Musiker Anfang des Jahrhunderts
Besonders in den USA machte die Musikszene in den Zehner Jahren des 20. Jahrhunderts eine große Entwicklung durch. Der Ragtime, ein Begriff, der bereits 1899 erstmals erwähnt wurde, erfreute sich bis 1914 einer großen Beliebtheit. Diese Musikrichtung zeichnete sich durch seinen unberechenbaren Rhythmus aus, der durch zahlreiche Synkopen erzielt wurde. Das bekannteste Stück, welches dem Ragtime zuzuordnen ist, ist zweifelsohne "The Entertainer" des afroamerikanischen Pianisten und Komponisten Scott Joplin
aus dem Jahr 1902. Aber auch im folgenden Jahrzehnt, wurde in Nachtclubs gerne der Cakewalk zum Ragtime getanzt. Der Cakewalk entwickelte sich bereits in der Zeit vor der Sklavenbefreiung. Mit ihm parodierten Sklaven das Verhalten der weißen Oberschicht, indem sie bei der Arbeit auf übertriebene Art und Weise die Bewegungen und das Verhalten ihrer Besitzer imitierten. Um 1915 hatte der Cakewalk das Nachtleben erreicht. Generell hatte die afroamerikanische Bevölkerung einen enormen Einfluss auf die musikalische Entwicklung der Vereinigten Staaten. Ragtime wird heute als ein Vorläufer in der
Geschichte des Blues und Jazz
gesehen. Musikrichtungen, die anfangs größtenteils von afroamerikanischen Künstlern gespielt wurden. Um 1900 wurde in New Orleans der Jazz geboren, und verbreitete sich schnell im Osten und Süden des Landes, besonders in Chicago. In den Zehner Jahren war es schwarzen und weißen Künstlern noch immer verboten, gemeinsam in Bands zu musizieren. Aus diesem Grund wurden immer mehr Jazz-Bands von weißen Musiker gegründet, die ihren eigenen Stil, den Dixieland Jazz, entwickelten. Dieser zeichnete sich insbesondere durch seine harmonische und melodische Art aus, die dem originären New Orleans Jazz fremd war. Papa Jack Laine (1873 bis 1966) gilt als Begründer des Dixieland und spielte mit seiner Brass Band auf den Straßen New Orleans. Seine Gruppe
nahm im Jahr 1917 auch die erste Jazz-Schallplatte der Geschichte auf. Hiermit setzten Papa Jack und seine Kollegen auch einen großen Meilenstein in der Entwicklung des Jazz und des Ragtimes, indem sie den Two-Beat ins Leben rief. Aber auch der wesentlich ältere Blues feierte in den Zehnern seine Blütezeit. Diese Musikrichtung hatte sich aus Worksongs und Gospels der ehemaligen Sklaven entwickelt. Besonders der Komponist William Christopher Handy trug wesentlich dazu bei, den Blues in der Gesellschaft populär zu machen. So wurde 1914 ein weltberühmter "St. Louis Blues" veröffentlicht. Noch heute finden sich zahlreiche Elemente der damaligen Musikstile in vielen modernen Liedern der Gegenwart wieder. In Europa verlief das Musikjahrzehnt weniger turbulent und spektakulär als in den Vereinigten Staaten. Viele der Stile, die sich damals herauskristallisiert hatten, erreichten Europa erst in den Goldenen Zwanzigern. In den Zehner Jahren waren besonders Opern, Chansons und volkstümliche Lieder weit verbreitet. Eine herausragende Position in der Geschichte, nimmt der italienische Tenor Enrico Caruso (1873 bis 1921) ein. Er verfügte nicht nur über ein großes Repertoire, zu dem auch seine berühmte Version von Verdis "Donna è mobile" von Verdi gehörte, sondern schaffte auch als einer der wenigen europäischen Musiker, den erfolgreichen Sprung nach New York. Dasselbe gilt auch für den irischen Tenor John McCormack (1884 bis 1945), der, wie auch Caruso, seine großen Erfolge in den Zehner Jahren feierte. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die größten musikalischen Entwicklungen in den USA abspielten. Das hatte natürlich auch mit dem Ersten Weltkrieg zu tun, von dem die US-amerikanische Bevölkerung im eigenen Land verschont geblieben ist. Durch den immer größer werdenden Markt an Schallplatten und auch die Eröffnung der ersten Kinos, begann die Musik allerdings auch das europäische Festland zu erobern und zu beeinflussen.